Was passiert im Gehirn bei Streit?
Streit wird von unserem Gehirn als Bedrohung bewertet. Innerhalb von Sekunden schaltet es vom Verbindungsmodus in den Schutzmodus und aktiviert uralte Überlebensstrategien. Dadurch treten Verständnis, Empathie und gemeinsames Problemlösen in den Hintergrund.
- Streit aktiviert innerhalb von Sekunden die Schutzprogramme unseres Gehirns.
- Es unterscheidet nicht zwischen körperlicher und emotionaler Bedrohung und außerdem nicht zwischen aktuellen Erfahrungen und alten Verletzungen.
- Wie eine Blackbox greift das Gehirn automatisch auf gespeicherte Erfahrungen und Schutzstrategien zurück.
- Solange diese Schutzprogramme aktiv sind, treten Verständnis, Empathie und gemeinsames Problemlösen in den Hintergrund.
Das kennen viele
Was wir dann sagen, hören oder fühlen, sind nicht bewusste Entscheidungen, sondern Reaktionen unseres Gehirns, das uns nach gewohnten Skriptvorlagen wieder in die sichere Zone führen. Deshalb reagieren Menschen im Streit oft ganz anders, als sie es sich eigentlich vorgenommen haben – sie greifen an, rechtfertigen sich, ziehen sich zurück oder erstarren.
Nach einem Streit fragen sich viele Menschen: Warum habe ich das gesagt? Warum habe ich so heftig reagiert? Warum konnten wir plötzlich überhaupt nicht mehr miteinander reden?
Viele erleben, dass sie im Streit Dinge sagen oder tun, die sie eigentlich nie sagen oder tun wollten. Stunden oder sogar Tage später fühlen sie sich oft noch erschöpft, ausgelaugt oder innerlich leer.
Das liegt daran, dass ihr Gehirn in diesem Moment enorme Energie darauf verwendet hat, eine vermeintliche Bedrohung abzuwehren.
Was wirklich passiert
„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" Mit dieser Frage machte der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick darauf aufmerksam, dass Menschen dieselbe Situation völlig unterschiedlich erleben können. Nicht weil einer von beiden Recht und der andere Unrecht hat, sondern weil jeder seine Wirklichkeit aus den eigenen Erfahrungen, Überzeugungen und Erlebnissen konstruiert.
Die moderne Gehirnforschung bestätigt diese Erkenntnis. Unser Gehirn reagiert nicht auf die Wirklichkeit selbst, sondern auf die Wirklichkeit, die es aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen als Bedrohung oder Sicherheit bewertet.
Genau deshalb können zwei Menschen denselben Streit völlig unterschiedlich erleben. Was für den einen eine harmlose Bemerkung ist, kann für den anderen wie Kritik, Ablehnung oder Zurückweisung wirken. Nicht weil einer die Realität falsch wahrnimmt, sondern weil beide Gehirne dieselbe Situation unterschiedlich bewerten.
Wir reagieren im Streit nicht auf die Wirklichkeit, sondern auf die Wirklichkeit, die unser Gehirn aus unseren bisherigen Erfahrungen konstruiert. Genau deshalb können zwei Menschen dieselbe Situation erleben – und doch in völlig unterschiedlichen Welten leben.
Warum ist das so schwer zu verändern?
Unser Gehirn lernt aus Erfahrungen. Jede Erfahrung hinterlässt Spuren und daraus entstehen mit der Zeit automatische Schutzprogramme. Sie laufen routinemäßig im Hintergrund: Das Gehirn greift immer wieder auf dieselben Lösungen zurück, weil sie sich irgendwann einmal als hilfreich erwiesen haben.
Je häufiger diese Programme aktiviert werden, desto stärker werden sie. Wie auf einer Autobahn fährt das Gehirn immer wieder dieselbe Strecke – schnell, automatisch und ohne bewusst darüber nachzudenken. Neue Wege zu gehen kostet dagegen deutlich mehr Energie.
Genau deshalb sind Schutzprogramme so schwer zu verändern. Weil das Gehirn das Vertraute zunächst für sicherer hält als das Neue. Das war über Jahrtausende ein Überlebensvorteil – auch wenn dieselben Programme heute in Beziehungen oft genau die Konflikte aufrechterhalten, die wir eigentlich verändern möchten.
Was bedeutet das für deinen Alltag?
Wer versteht, wie das Gehirn unter negativem Stress arbeitet, betrachtet Streit oft mit anderen Augen.
Nicht weil verletzendes Verhalten dadurch entschuldigt wird, sondern weil verständlich wird, warum Menschen in Konflikten häufig anders reagieren, als sie es sich eigentlich vorgenommen haben.
Erst wenn beide Beteiligten lernen, wie sie ihre eigenen Schutzreaktionen frühzeitig regulieren und den Streit unterbrechen, sodass das Gehirn Zeit hat, den Schutzmodus zu verlassen, entstehen Voraussetzungen für andere Formen der Kommunikation und gemeinsame gute Lösungen.
Eveline Brandhofer begleitet seit über 13 Jahren Frauen, Paare, Führungskräfte und Organisationen in Krisen, Umbruchphasen und Veränderungsprozessen. In ihrer Arbeit verbindet sie wissenschaftliche Erkenntnisse aus Neurowissenschaften, Positiver Psychologie, Traumaforschung und Embodiment mit dem traumasensiblen Paartherapie-Ansatz nach Dr. Katharina Klees zu dem von Eveline selbst entwickelten NeuroSystemic POWERQ-Prozess.Die Artikel dieser Wissensplattform basieren auf ihrer langjährigen Coachingpraxis, der Begleitung von über 1.500 Klientinnen und Klienten sowie den Grundlagen des NeuroSystemic POWERQ-Modells.